Interview mit Daniela Berger

Daniela Berger

Daniela Berger

„Darüber reden, reden, reden!“

Im Sommer übernahm Daniela Berger die Geschäftsführung der Alzheimervereinigung beider Basel. Wer ist die leidenschaftliche Velofahrerin, die Kirchenorgel spielt und die Insel Amrum liebt?

Ihr Werdegang ist nicht geradlinig. Daniela Berger ist lernbegierig und mag neue Herausforderungen. In ihrer Biographie stehen zum Beispiel die Zeit am Konservatorium mit dem Hauptfach Kirchenorgel, die Beschäftigung im Labor einer Chemiefirma und das Studium der Soziologie. In ihrer Doktorarbeit analysierte sie Gebetsanliegen und Fürbitten. Als Wissenschaftlerin befasste sie sich unter anderem mit dem Strafvollzug, mit der Opferhilfe, aber auch mit den Bedürfnissen der künftigen Seniorengeneration oder mit Wohnformen pflegebedürftiger älterer Menschen. Als Präsidentin der Sozialhilfebehörde in Pratteln lernte sie, in sehr anspruchsvollen Situationen pragmatische und nachhaltige Lösungen zu finden. Mit diesem Wissens- und Erfahrungsschatz hat Daniela Berger vor einem halben Jahr wieder eine neue Herausforderung angenommen: die Geschäftsführung der Alzheimervereinigung beider Basel.

Frau Berger, seit rund einem halben Jahr gehen Sie Ihrer neuen Aufgabe nach. Hat Sie etwas besonders überrascht?

Nein, überrascht hat mich wenig, jedoch bin ich froh um meine vielfältigen Erfahrungen aus früherer Tätigkeit. Besonders beschäftigt mich die finanzielle Situation. Die Alzheimervereinigung beider Basel finanziert sich hauptsächlich durch Spenden, abgesehen von Beiträgen des Bundes für ausgewählte Dienstleistungen. Ich meine, daran sollte sich in naher Zukunft etwas ändern.

Woran denken Sie?

An Leistungsverträge mit den beiden Basler Halbkantonen. Aber das geht nicht von heute auf morgen.

Sie haben sich in Ihrer Laufbahn schon mit sehr unterschiedlichen Facetten des menschlichen Daseins befasst. Ergab sich daraus ein besonderer Bezug zur Thematik Demenz?

Aus meinen Forschungsarbeiten heraus weniger, aber kombiniert mit der Tatsache, dass ich in den letzten Jahren in meinem privaten Umfeld Umgang mit älteren Menschen habe, wurde ich zwangsläufig auf dieses Thema aufmerksam. Jetzt schon leben mehr Menschen mit Demenz in unserer Umgebung, als uns bewusst ist. Und in näherer Zukunft wird die Zahl der Erkrankten zunehmen. Wir alle müssen lernen, damit auf eine gute Art und Weise umzugehen.

Nur etwa ein Drittel aller Demenzerkrankungen wird diagnostiziert. Zwei Drittel bleiben quasi im Verborgenen. Wie erklären Sie das als Soziologin?

Besonders bei uns auf der nördlichen Hemisphäre definieren wir uns kraft unseres Verstandes als „mündige Bürger“. Das hat seinen Ursprung in der Antike, aber auch die Zeit der Aufklärung hat dazu beigetragen. Ein Gedächtnisverlust respektive irgendeine Einschränkung des Denkvermögens trifft direkt unser Selbstwertgefühl. Hinzu kommt die Angst, dass man mit solchen Symptomen von seinen Mitmenschen nicht mehr für vollwertig angesehen wird. Auch offene Worte beim Hausarztbesuch sind nicht einfach, und manche Hausärzte wiederum wissen selbst zu wenig über Demenz. Oder sie schrecken vor der Diagnose zurück, um sich bei ihren Patienten nicht unbeliebt zu machen. So werden viele Demenzerkrankungen nicht diagnostiziert, und den Betroffenen und Angehörigen wird dann nicht so geholfen, wie es heute möglich ist. Eine Enttabuisierung ist dringend notwendig.

Wie wird denn ein Thema enttabuisiert?

Darüber reden, reden, reden! Solange, bis die Gesamtbevölkerung über die Krankheit Demenz und ihre Begleiterscheinungen Bescheid weiss. Damit wird ihr der grösste Schrecken genommen. Wenn die Betroffenen und Angehörigen zudem von guten Therapiemöglichkeiten, Entlastungs- und Begleitungsangeboten in ihrer Region wissen und davon profitieren, umso besser.

Sie waren früher als Kirchenorganistin tätig, und Sie haben im Nebenfach Religionswissenschaften studiert. Da drängt sich die Gretchenfrage auf: Wie haben Sie es mit der Religion?

Ich bin römisch-katholisch erzogen, doch bereits mit 15 Jahren hatte ich meine erste Festanstellung als Organistin in einer reformierten Kirchgemeinde, bin also in beiden Kirchen „zuhause“. In der Zeit zwischen meinem 15. und 25. Altersjahr war ich in einer kirchlichen Jugendgruppe aktiv und habe dort begonnen, mich mit den Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem „Wie-miteinander-leben“ zu beschäftigen. Im Verlaufe des Studiums der Vergleichenden Religionswissenschaften bin ich diesen Fragen in den einzelnen Religionen nachgegangen.
Was die Landeskirchen heute älteren Menschen an Unterstützung und Freizeitangeboten offerieren, erachte ich als sehr wertvoll. Hier leisten die Pfarreien grossartige Arbeit, nicht zuletzt auch um der Vereinsamung entgegenzuwirken.

Denken Sie, Menschen mit einem starken Glauben können besser mit der Diagnose Demenz umgehen?

Ein starker Glaube kann im Leben bei Schicksalsschlägen Zuversicht und Halt geben, das haben pastoralsoziologische Untersuchungen gezeigt. Selbst bei stark fortgeschrittener Demenz können betroffene Menschen ihre Gefühle zeigen und die der anderen wahrnehmen. Ob damit auch das Gefühl weiterhin besteht, von etwas Transzendentem oder Göttlichem getragen zu werden, weiss ich nicht.

In den Medien lesen wir bereits vom drohenden „Alzheimer-Tsunami“. Wird das wachsende Bewusstsein für die Zunahme von Demenzerkrankungen dafür sorgen, dass das Schweizer Gesundheitssystem rechtzeitig parat ist?

Ob die demographische Entwicklung alleine für das Handeln in dieser Sache genügt, will die Schweizerische Alzheimervereinigung nicht erst abwarten. Ein positives Zeichen sehen wir in der eingeleiteten Demenzstrategie des Bundes, in der auch die Schweizerische Alzheimervereinigung aktiv mitwirkt. Es muss hierbei vor allem darum gehen, die Krankheit Demenz zu enttabuisieren und die notwendigen Hilfestellungen unkompliziert und bezahlbar zur Verfügung zu stellen.

Was kann die Alzheimervereinigung beider Basel zur Lösung beitragen?

Unsere Organisation wird im Lokalen die Demenzstrategie des Bundes beziehungsweise der Kantone mittragen. Das heisst, noch mehr die Bevölkerung mittels Sensibilisierungskampagnen aufklären und informieren, auch zusammen mit anderen Praxispartnern. Auf der Ebene der Betroffenen und Angehörigen wird die individuelle Beratung ein Schwerpunkt bleiben, nebst unseren anderen Dienstleistungen wie Gedächtnistraining, Angehörigentreffen oder Ferienwochen.

Es gibt also sehr viel zu tun, auf ganz verschiedenen Ebenen. Da besteht für die Geschäftsführerin die Gefahr, sich zu verausgaben. Wie sorgen Sie dafür, dass Ihre Batterien immer gut geladen sind?

Meine Batterien lade ich täglich auf dem Arbeitsweg mit dem Velo zwischen Pratteln und Basel auf. Und richtig gut abschalten kann ich an der Nordsee, am liebsten auf der Insel Amrum.

Frau Berger, vielen Dank für dieses Gespräch.

Wolfgang Werder, Dezember 2012

Quelle: Alzheimer-Bulletin 2/2012