Demenzprävention durch Entspannung

Grossvater und Enkeltochter spielen Schach

Sich Zeit nehmen für das, was zählt im Leben.

Eine Frau malt ein Bild

Kreatives Gestalten ist Seelenbalsam.

Stress erhöht das Demenzrisiko

Die Resultate verschiedener wissenschaftlicher Untersuchungen weisen in die Richtung, dass Dauerstress für unser Gehirn schädlich ist und die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, einmal an Demenz zu leiden. Entsprechend wichtig ist es, Stressfaktoren – wenn möglich – zu eliminieren und sich um innere Ausgeglichenheit zu kümmern.

Multitasking, ständige Verfügbarkeit, noch mehr Leistung in noch weniger Zeit, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes: In den letzten Jahren haben in der Arbeitswelt und im Privatleben Hektik und Druck so stark zugenommen, dass viele Menschen nicht mehr standhalten können. Das sogenannte Burnout ist keine Medienerfindung, sondern wie auch die weit verbreitete Depression realer Ausdruck einer ungesunden gesellschaftlichen Entwicklung. Die Ursachen sollen an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. Im Alzheimer-Bulletin geht es um Demenz. Aber zwischen Demenz und dem Stress, dem so viele ausgesetzt sind, gibt es einen Zusammenhang.

Langzeitstudie in Schweden
Lena Johansson arbeitet am Institut für Neurowissenschaften und Physiologie an der Universität Göteborg in Schweden. Mit ihrem Forschungsteam hat sie Daten einer Langzeitstudie ausgewertet. 800 Frauen wurden 1968 ein erstes Mal nach Stress verursachenden Erlebnissen befragt. In den folgenden 38 Jahren gab es vier weitere Befragungen. 2006 war etwas mehr als die Hälfte der Frauen gestorben, 153 waren an Demenz erkrankt, 104 an Alzheimer. Die Forscher setzten nun die Stressfaktoren im Leben der Frauen in einen statistischen Zusammenhang mit den Demenzerkrankungen. Dabei stellte sich heraus, dass bei Frauen, die stark belastende Lebensphasen hatten, die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung signifikant erhöht war. Und zwar selbst dann, wenn Risikofaktoren wie erhöhter Blutdruck, Diabetes, Rauchen oder übermässiger Alkoholgenuss in der Auswertung berücksichtigt wurden. Bei Frauen, die während der ganzen Zeit der Studie immer wieder hohen Belastungen ausgesetzt waren, war das Risiko um rund 60 Prozent erhöht, an Alzheimer zu leiden. Es ist davon auszugehen, dass es bei Männern denselben Effekt gibt.

Körper in Alarmbereitschaft
Nicht jede belastende Situation ist eine Gefahr für die Gesundheit. Wann wird sie gefährlich? Tim Hagemann, Professor für Arbeitspsychologie in Bielefeld: „Psychologisch entscheidend ist der wahrgenommene Handlungsspielraum, um eine Situation zu meistern.“ Wer also unter bestimmten Gegebenheiten leidet und sich diesen ohnmächtig ausgeliefert fühlt, keine Möglichkeit sieht, Abhilfe zu schaffen, der läuft Gefahr, dass der Stress krank macht.
Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Er wird auf hohe Aktivität eingestellt: Angriff oder Flucht. Dabei werden verschiedene Hormone ausgeschüttet, die unter anderem die Herzfrequenz steigern und das Immunsystem drosseln. Diese Hormone bewirken Veränderungen im Hippocampus, einer Hirnregion, die auch für Gedächtnisleistungen und die Konzentrationsfähigkeit wichtig ist. So kommt es, dass gestresste Menschen vergesslich werden, zerstreut wirken und einen Tunnelblick entwickeln, also übermässig auf die Stresssituation fokussiert sind. Der niederländische Neurobiologe Ron de Kloet hat nachgewiesen, dass monatelanger Stress zum Absterben von Nervenzellen im Hippocampus führt.
Was neurophysiologisch genau passiert und wie dies mit einer Demenzerkrankung zusammenhängt, muss noch weiter erforscht werden. Aber die bisherigen Resultate sprechen dafür, dass viel Stress die Wahrscheinlichkeit erhöht, einmal an Demenz zu leiden. Was bedeutet das für uns?

Love it, change it or leave it
Wir tun gut daran, unserer seelischen Ausgeglichenheit grossen Wert beizumessen. Zum Leben gehören Rückschläge, schmerzhafte Erfahrungen und schwierige Phasen. Ohne diese Abweichungen von unseren Wunschvorstellungen könnten wir als Menschen nicht reifen. Aber wir sollten versuchen, das Gefühl der Überforderung und des Ausgeliefertseins nicht langfristig zuzulassen.
Als Anregung kann uns eine englische Redewendung dienen: „Love it, change it or leave it“, zu Deutsch: „Liebe es, verändere es oder lass es sein.“ Statt des Anspruchs „love it“ könnten wir zumindest sagen: „Akzeptiere es, nimm es an, ohne zu hadern.“ Gespräche im Freundeskreis oder mit Fachpersonen können helfen, Dinge anders zu sehen, in anderen Zusammenhängen zu begreifen. Andere Blickwinkel können dazu beitragen, negative Gedanken und Gefühle zu überwinden.
Wenn das nicht geht, frage man sich, ob es Möglichkeiten gibt, die bestehende Situation zu verändern, „change it“, sodass die Stressfaktoren nicht mehr vorhanden sind. Wenn auch das nicht möglich ist, bleibt „leave it“: Kann eine gänzlich neue Situation geschaffen werden? Keinesfalls sollten wir uns resigniert den negativen Emotionen überlassen und uns aufgeben.

Wohlfühlinseln schaffen
Um unvermeidlichen Stress besser verkraften zu können, ist es ein gutes Mittel, sich immer wieder Wohlfühlinseln zu gönnen. Wandern in der freien Natur, Wellness-Wochenende, tanzen, musizieren, malen, fein essen gehen, eine Partie Schach, Yoga, Rosen züchten… – Hauptsache, es bereitet Freude. Solche Aktivitäten sollten jede Woche Platz haben, am besten mehrmals. Denn bei einer täglichen stressgeprägten Tätigkeit genügt es nicht, vier oder fünf Wochen im Jahr in die Ferien zu fahren. Der Erholungseffekt von zwei Wochen Strandurlaub ist nach kurzer Zeit verpufft, wenn danach wieder Dauerstress folgt.

Angehörige Demenzbetroffener:
Bereit sein, Hilfe anzunehmen!

Viele Angehörige von Menschen mit Demenz leisten Betreuungs- und Pflegearbeit. Sie sind stark gefährdet, durch die ununterbrochene Belastungssituation ein Burnout oder eine Depression zu entwickeln. Deshalb ist es so wichtig, möglichst früh Gegensteuer zu geben. Die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, ist dabei ein entscheidender Punkt. Die Alzheimervereinigung beider Basel bietet eine kostenlose Beratung an, die bei fast jedem erdenklichen Thema im Zusammenhang mit Demenz weiterhilft (vgl. letzte Seite). So kennt unsere Beraterin Simone von Kaenel zum Beispiel Möglichkeiten, wie sich Angehörige Freiraum zur Erholung organisieren können. Wir führen auch kompetent geleitete Angehörigengruppen, die einmal im Monat zusammenkommen. Der Austausch mit anderen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, ist tröstlich und stärkend. Nicht selten entstehen in diesen Gruppen Freundschaften.

Juni 2014

Quelle: Alzheimer-Bulletin 1/2014