Musik und Demenz

Wenn der an Demenz erkrankte Henry Musik hört, wird er sehr aktiv.

Henry ist an Demenz erkrankt und sagt nicht viel. Wenn er aber seine Musik hört, blüht er auf. Sehen Sie selbst.

Musik fördert das grosse Potential des Frontalhirns.

Beim Musizieren und Musikhören ist das gelb markierte Frontalhirn sehr aktiv.

Junge Frau spiel Flöte.

Musikalische Erlebnisse in der Jugendzeit bleiben uns besonders gut in Erinnerung.

Senioren machen Übungen nach Emile Jaques-Dalcroze.

Jaques-Dalcroze-Kurse in der Region Basel finden Sie auf: www.seniorenrhythmik.ch www.aelterbasel.ch

Prof. Dr. med. Reto W. Kressig

Prof. Dr. med. Reto W. Kressig,
Chefarzt und Bereichsleiter Universitäre Altersmedizin im Felix Platter-Spital und Professor für Geriatrie an der Universität Basel.

Literaturtipp

MIT MUSIK GEHT VIELES BESSER
Der Königsweg in der Pflege
bei Menschen mit Demenz

Simone Willig, Silke Kammer

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Musik, der Königsweg

Wenn das menschliche Gehirn mit Musik beschäftigt ist, werden sehr viele verschiedene Hirnfunktionen aktiviert. Gefühle, Bilder, Bewegung, Sprache, Erinnerungen… Musik wirkt in enorm vielen Bereichen und eröffnet im Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind, wertvolle Möglichkeiten des Austauschs und des gemeinsamen Erlebens.

„Dert ääne-n-am Bäärgli, dert stoot e wyssi Gaiss…“ Wenn im zweiten Stock der Memory Clinic Basel Lieder erklingen, herrscht im Gedächtnistraining der Alzheimervereinigung beider Basel beste Stimmung. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aufgrund ihrer Demenzerkrankung nicht mehr wissen, was am Vortag geschehen ist, können problemlos mehrere Strophen der Lieder singen, die sie in der Kindheit erlernt haben.

Musik scheint im Gedächtnis einen besonderen Platz zu haben. Tatsächlich haben zahlreiche wissenschaftliche Studien aufzeigen können, dass Musik das Gehirn in ausgezeichneter Weise fordert und fördert.

Musik spielt im Frontalhirn

Reto W. Kressig ist Professor für Geriatrie an der Universität Basel und Chefarzt am Felix Platter-Spital. Musik ist für ihn eine Herzensangelegenheit. In jungen Jahren betätigte er sich als Kirchenorganist und nach wie vor setzt er sich gerne ans Klavier. „Wenn jemand aktiv Musik hört oder selber musiziert“, erklärt Kressig, „wird insbesondere das Frontalhirn oder Stirnhirn stimuliert. Das ist der Gehirnteil, der die höchste Plastizität und die grössten Reserven aufweist.“

Das Frontalhirn sei beim Menschen besonders gross, viel grösser als bei Menschenaffen, und es sei für spezifisch menschliche Fähigkeiten zuständig, so Kressig. Dazu gehören das Planen komplexer Tätigkeiten, die sprachliche Erfassung verflochtener Zusammenhänge und eben auch die Musik.

Beim aktiven Musikhören und Musizieren finden im Frontalhirn Prozesse statt, die unter anderem mit Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit und der Koordination gleichzeitiger Aktivitäten zu tun haben. Interessanterweise ist das Gehirn ungefähr in den gleichen Arealen beschäftigt, egal ob wir ein Instrument spielen oder nur Musik hören, sofern es ein bewusstes Zuhören ist.

Sichtbarer Trainingseffekt

Regelmässiges Musizieren verändert das Gehirn. Noch vor etwa 20 Jahren ging man davon aus, dass sich die Nervenverbindungen bei einem erwachsenen Menschen kaum mehr weiterentwickeln können. Heute weiss man es besser. Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, hat die Gehirne von Berufsmusikerinnen und -musikern untersucht und festgestellt, dass bei Pianisten das Hirnareal, welches Hand- und Fingerbewegungen steuert, überdurchschnittlich ausgebildet ist. Dirigenten sind besonders gut darin, Musik in ihrer räumlichen Gestaltung wahrzunehmen.

Das Gehirn, insbesondere das Frontalhirn, ist auch im Erwachsenenalter fähig, sich an neue Anforderungen anzupassen und neue Aufgaben zu übernehmen. Voraussetzung für diese sogenannte funktionale Plastizität des Gehirns ist ein regelmässiges, intensives Training.

Gehirn kompensiert Ausfälle

Haben nun Musikerinnen und Musiker ein geringeres Demenzrisiko? Ja. 2007 konnte in einer gross angelegten Studie nachgewiesen werden, dass Menschen, die musizieren, deutlich seltener an Demenz leiden. Reto W. Kressig: „Ein Musikinstrument zu spielen ist ein Training des Gehirns, das sehr viele Reserven schafft. Das heisst nicht, dass das Gehirn professioneller Musiker vielleicht nicht doch Anzeichen der Alzheimer-Erkrankung aufweist. Aber es ist in so guter Verfassung, dass es sehr lange kompensieren kann.“ Das heisst, Gehirnfunktionen, die dort ausfallen, wo die Alzheimer-Erkrankung auftritt, können vom fitten Frontalhirn übernommen werden.

Musik und Bewegung

Die erwähnte Studie hat diesen Effekt nicht nur bei musizierenden Menschen aufgezeigt, sondern auch bei Personen, die regelmässig tanzen. Dies deutet auf die enge Verbindung von Musik mit körperlicher Bewegung hin. Wir kennen das: Wenn wir rhythmische Musik hören, die uns gefällt, wippen wir unwillkürlich mit einem Fuss oder mit dem Kopf oder wir klopfen im Takt mit den Fingern. Kinder beginnen manchmal zu tanzen. Die Paarung Musik und Bewegung hat ausserordentliches therapeutisches Potential, das genutzt werden kann, um die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern.

In diesem Zusammenhang muss der Name Émile Jaques-Dalcroze fallen. Der Schweizer Komponist und Musikpädagoge entwickelte vor rund 100 Jahren körperliche Übungen, die zu improvisierter Klaviermusik ausgeführt werden und heute vermehrt für Senioren zum Einsatz kommen.

Weniger Neuroleptika

Die Effekte, die bei demenzkranken Menschen durch eine regelmässige Teilnahme an diesen Übungen erzielt werden, sind eindrücklich. Reto W. Kressig: „In den Jaques-Dalcroze-Ateliers haben wir gesehen, dass Teilnehmende wieder ganze Sätze formulieren konnten, die vorher nur noch einzelne Wörter sagten. Da zeigt sich eine neuronale Kopplung von Musik, Bewegung und Sprache.“

Zudem werde das Sturzrisiko stark reduziert, die örtliche Orientierungsfähigkeit verbessert und die Stimmung positiv beeinflusst. Kressig: „Teilnehmende, die zu Apathie, Hyperaktivität oder Aggressionen neigen, profitieren sehr von den Übungen. In manchen Fällen konnten wir die Dosierung von Neuroleptika reduzieren.“

Mozart oder Marschmusik?

Eine wahre Geschichte: Vor einem Alters- und Pflegeheim stellt sich eine Blasmusik auf, um ein Ständchen zu spielen. Eine Frau, die gerade ihren demenzkranken Ehemann besucht, will mit ihm das Weite suchen, da sie von seiner tiefen Aversion gegen Marschmusik weiss. Eine Pflegerin rät ihr aber, zuerst seine Reaktion abzuwarten, und tatsächlich: Kaum rumst das Blech, klatscht der Mann begeistert mit, sehr zur Überraschung seiner Ehefrau.

Diese Episode zeigt: Der Musikgeschmack kann sich durch eine Demenzerkrankung verändern. Es ist grundsätzlich richtig, im Umgang mit Demenzbetroffenen deren Biografie zu berücksichtigen, auch wenn es um die Musikwahl geht. Musikstücke, die jemand in der Kindheit und Jugend gerne gehört oder selber gespielt hat, sind besonders tief verankert. Eine treffende Musikwahl kann Erinnerungen wachrufen und in ungeahnter Weise belebend wirken, wie das Beispiel des demenzkranken Henry in den USA demonstriert.

Aber die biografisch abgestimmte Musik muss nicht in jedem Fall die positivste Wirkung haben. Am besten, man probiert es aus. So wird auch in Jaques-Dalcroze-Ateliers vorgegangen. Die Pianistin spielt Melodien, die in den Jugendjahren der Teilnehmenden aktuell waren, und beobachtet, wie sie ankommen.

Gemeinsames Erleben

Da die mündliche Kommunikation zwischen Demenzbetroffenen und Angehörigen im Verlauf der Krankheit immer schwieriger wird, gewinnt der Austausch auf anderen Ebenen an Bedeutung. Die Musik bietet dabei wunderbare Möglichkeiten für gemeinsames Erleben. Das kann beim Singen sein, beim Musizieren mit einfachen Instrumenten – dazu später mehr– oder beim Musikhören. Biografische Faktoren können wiederum eine wichtige Rolle spielen.

Ein Ehepaar zum Beispiel, das über Jahrzehnte regelmässig klassische Konzerte besucht hat, kann dieses Ritual noch lange pflegen, auch wenn die Demenz eines Partners schon fortgeschritten ist. Oder es entwickelt sich daraus die Gewohnheit, sich zuhause bei einer Tasse Tee gemeinsam ein klassisches Werk anzuhören. „Gerade bei der Alzheimer-Erkrankung bleibt die emotionale Intelligenz fast bis zum Schluss erhalten“, erklärt Reto W. Kressig. „Deshalb kann die emotionale Qualität von Musik noch sehr lange wahrgenommen und genossen werden.“

Vorsicht mit Hintergrundmusik

So liegt die Idee nahe, Musik im Hintergrund abzuspielen, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Davon rät Kressig ab. „Es ist wichtig, Möglichkeiten zu schaffen, Musik bewusst zu erleben. Für Menschen mit Demenz ist Hintergrundmusik problematisch, denn sie bindet zerebrale Reserven. Wenn gleichzeitig etwas anderes getan werden sollte, kann es zu einer Überforderung kommen. Auch Musik zur Beruhigung sollte der einzige Stimulus sein.“

Musizieren lernen mit Demenz

Wie lange ist es sinnvoll, ein Instrument neu zu erlernen? Auch im hohen Alter gibt es keinen Grund, nicht mit dem Klavier- oder Cellospielen anzufangen, wenn es die körperliche Gesundheit zulässt und keine Demenz vorliegt. Das Niveau eines Berufsmusikers kann nicht mehr erreicht werden, aber angesichts der Freude am Musizieren und des Trainings für das Gehirn lohnt es sich allemal.

Wenn die technische Herausforderung relativ einfach ist, zum Beispiel indem ein Xylophon auf wenige Töne reduziert wird, können auch Menschen mit Demenz noch mehr erlernen, als sie sich vielleicht selber zutrauen. Wichtig ist das häufige Wiederholen. Dann kann es passieren, dass die demenzbetroffene Person glaubt, sich nicht an das Stück zu erinnern, das mit ihr vor ein paar Tagen eingeübt wurde, aber durch eine dezente Vorgabe von Rhythmus und Melodie wird die Erinnerung aktiviert, und die Person beginnt zu spielen. Lernprozesse können eben auch unbewusst stattfinden.

Schlüsselfunktion im Pflegealltag

Musik drückt Emotionen aus, weckt Erinnerungen, fördert Kontakte und die Kommunikation, gibt Struktur und regt zu körperlicher Bewegung an. Durch all diese schönen Eigenschaften hat die Musik einen immensen Wert in der Betreuung und Pflege demenzkranker Menschen. Sie wird deshalb auch als Königsweg bezeichnet (vgl. Literaturtipp auf dieser Seite).

Musik – richtig eingesetzt – wird zum Schlüssel und Türöffner. Musiktherapeutinnen und -therapeuten wissen am besten, wie das geht, aber auch alle anderen, die in Heimen und im privaten Bereich Demenzbetroffene betreuen und pflegen, können diesen Königsweg nutzen.

November 2014

Quelle: Alzheimer-Bulletin 2/2014